Eine starke Gemeinschaft fürs Leben
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Sie sind der Hort, in denen Männer – doch längst nicht nur sie und schon gar nicht sie allein unter sich – ihre große Leidenschaft pflegen: Whisky als guter Tropfen im Glas. Doch geht es keinesfalls nur um den einen oder anderen Dram miteinander. Nein, die gesamte Kultur rund um diesen magischen Genuss steht im Mittelpunkt. Das ist alles in allem ein reiches, buntes Treiben der Whisky Clubs. Und so eine starke Gemeinschaft fürs Leben, was hier gern einmal angemessen gewürdigt werden soll.

Von Heinfried Tacke

Leidenschaft teilt man gern mit anderen. Genauso ist es beim Whisky, den man am liebsten in gemeinsamer Runde zelebriert. Und wo ist man dafür besser aufgehoben als in einem Whisky Club, der Fans, Kenner wie Einsteiger zusammenbringt. Wenn wir das hier so postulieren, ist das bei Gott keine Neuheit. Schätzungen gehen davon aus, dass wir allein in Deutschland mehr als 250 Verbindungen und Gruppen dieser Art haben. Nach vielen Stippvisiten über ein Jahrzehnt auf zahlreichen Whisky-Messen in unserem Land schätze ich persönlich diese Zahl sogar noch höher ein. Allerdings kann ich es nicht belegen. Mit dem WHISKY GUIDE DEUTSCHLAND, in dem wir u.a. auch alle uns bekannten Adressen dieser Art auflisten und – so vorhanden – mit eigenen Darstellungen präsentieren, kommen wir aktuell auf etwa 160 Whiskyclubs. Doch die Dunkelziffer erscheint uns deutlich größer, weil sich längst nicht alle sich regelmäßig treffenden Whisky-Freundeskreise öffentlich machen. Wer indessen glaubt, dass wir in Deutschland mit dieser stattlichen Zahl bereits die Spitze weltweit bilden, täuscht sich gewaltig. Aus eigener Anschauung in Schweden weiß ich, dass die Zahl der Clubs dort die Tausendermarke weit überschreitet. Sogar die Gründung einer Brennerei („High Coast“ – siehe Taste Notes) geht auf ihr Mittun sowie finanzielle Absicherung zurück. Von „Mackmyra“, der anderen großen und deutlich bekannteren Whisky Brennerei aus Schweden ließe sich Vergleichbares berichten und beschreiben. Was nicht anderes heißt als dass wir hier nicht nur von starken Zahlen in der Gesamtheit, sondern über dies auch von ganz starken Gemeinschaften zu reden haben.

Wer, Wie, Was, und wenn Wie viele?

Das Bild, das sich uns so nach bald anderthalb Jahrzehnten Beobachtung durch den Whisky Guide in Deutschland und der Schweiz zeichnet, ist derart von größter Vielfalt und ungeahnter Buntheit. Das ist kein bloßes Treffen hinter vier Wänden und mit einer Truppe von drei oder vier Leutchen, was wir sicher auch in unseren Beispielen finden, doch zumeist umfasst ein solcher Bund eine größere Zahl von Gleichgesinnten, die bis zu 600 Personen umfassen kann. Das Gros davon bewegt sich zwischen etwa 8 bis 20 Personen. Es gibt Vereinsatzungen, ist aber seltener die Regel. Vorsitz und Funktionen sind indes meistens klar geregelt und zugeteilt, ohne in Vereinsmeierei auszuarten. Die Leidenschaft bindet immer mehr als ein schriftliches Statut, obwohl wir nicht selten von satzungsartigen Übereinkünften wissen, die an schottische Clans und ihren Begriffe, Titel, Tartan und ähnlichem mehr erinnern. Doch wie schon angedeutet, greift dies in unterschiedlichsten Formen und Konstellationen Raum und das im wahrsten Sinne des Wortes. An Fachgeschäften lagern sich häufiger Whiskyclubs an. Sie finden dort ihre Plätze oder Räume wie auch Lagerkapazität und reguläre Verkostungsmöglichkeiten. Von Bars, die sich ganz dem Whisky verschrieben, können wir nahezu das Gleiche berichten, wenn gleich dort noch mehr der alltägliche Treff eine Rolle spielt. Aber es werden genauso Vereinsheime oder -lokale oder gar alte Kulturstätten wie u.a. eine Burgruine oder Kloster mit einer Kleinkunstbühne genutzt. Ziel ist dabei in den meisten Fällen das vertraute wie exklusive Miteinander einer Gemeinschaft, die über die Jahre immer mehr zusammenwächst. Die tradierten Herrenclubs britischer Provenienz als geschlossene Gesellschaft darf man dafür durchaus als Muster und Vorlage nehmen. Diese Exklusivität ist sicherlich gewollt, nicht aber die gesellschaftliche Abschottung, die wir dabei mitdenken. Denn wie keine andere Passion verbindet Whisky die Menschen miteinander. Clubpartnerschaften, Flaschenteilungen, Fasskäufe, gemeinsame Treffen auf Messen oder Festivals sind nicht die Ausnahme, sondern stehen eher öfter auf der Tagesordnung. Und immer wird zusammen probiert, gezeigt, ausgetauscht, darüber philosophiert und so in diesem Miteinander die eigene Leidenschaft zelebriert.

Nicht alle, aber doch viele Whisky Clubs geben sich gern ein Erkennungszeichen. Der Highland Circle aus Nürnberg hat sich gar ein eigenes Wappen und einen eigenen Tartan gegeben. Fotocredit: Highland Circle, Nürnberg.

Über sich hinaus wachsend

Ein schöner Nebeneffekt ist dabei die Tatsache, dass, je öfter man zusammenkommt, sich eine solche Gemeinschaft immer mehr auch über den ursprünglichen Zweck und Genussarchipel hinaus definiert. Denn als starke Gemeinschaft binden die Clubs resp. Freundeskreise immer Menschen unterschiedlichster Herkunft und Erfahrung. Und so spielen sie in ihrer bunten Mischung nicht selten eine wichtige Rolle im ihrem örtlichen Umfeld oder Stadtleben und bereichern mit ihren Initiativen das lokale Kulturangebot – man denke etwa an die „Chemnitzer Whiskynacht“ -, bei denen der Whisky natürlich immer eine prominente Rolle spielt und das auch muss! Von Konzerten, Lesungen und peziellen Kino-Events über Stadtfeste und Festivals bis hin zu eigenen Ständen auf dem örtlichen Weihnachtsmarkt reicht das Spektrum dieser eng mit der Whiskyleidenschaft verwoben kulturellen Aktivitäten. Nein! Deutlich zeigt sich: Whisky verbindet nicht nur. Er wirft auch so manche soziale wie kulturelle Grenze über Bord und erweist sich als ein Kulturfaktor von nahezu unbegrenzter Reichweite.

Eine starke Gemeinschaft, Teil 2: Auch Fassteilungen gehören zum Clubleben. Man muss es aber nicht übertreiben und auch noch den Berg hinauftragen, wie in diesem Schweizer Falle.

Bildungs-, Studien- und Genussreisen

Das ist nicht nur nicht Nichts, sondern von ungeahnter Bedeutung, wenn man sich so einmal vor Augen führt, wie ein altes Kulturgut und im Gleichen Nationalgetränk eines doch recht kleinen, bescheidenen, oft unterjochten britischen Landes derart um sich zu greifen versteht. Das ist schon ein ganz und gar außergewöhnliches Phänomen. Und wie anders breitet es sich in der fläche aus breiten als eben durch diese Whiskyclubs? Sie sind die heimlichen Außenborder der schottischen Tourismuszentrale, aber eben auch für Irland und Nordamerika (um die anderen drei großen Whiskynationen nicht unerwähnt zu lassen), deren Kultur und Erbe sie mit und durch Genuss weiter an den Mann und die Frau bringen. Und doch ist das längst nicht alles. Denn diese im Bund einer festen Gemeinschaft geteilte Leidenschaft löst darüber hinaus immer auch eine größere Bewegungs- und Reisetätigkeit aus – sei es mit einer Whiskywanderung in der Natur, Besuch eines der bekannteren Highland Games zum ureigenen „Whisky Workout“, Wochenendtrips zu Whiskymessen in der Nähe oder Ferne, auf denen man meistens alte und neue Whiskyfreunde antrifft. Oder man bereist für eine längere Zeit eine Whiskyregion, stattet dort den geliebten Brennereien einen Besuch ab und nimmt sich immer wieder aufs Neue Zeit dafür, um in den Genuss und die Kultur der Heimat seiner so verehrten Tropfen und ihrer Brutstätten einzutauchen. Nein! Whisky macht auch noch auf wundervolle Weise seinen Anhängern Beine. Das ist ein fortwährendes Unterwegs sein, das einen in der geliebten Materie noch weiter bildet und schult und auch noch nebenher jede Menge Vergnügen bereitet.

Whisky Clubs sind keineswegs nur Indoor Fanatiker. Im Gegenteil! Man besucht Messen und Events, reist zusammen und führt auch Whisky-Wanderungen durch wie hier der „1. Bodensee Whisky Club“ aus Kressbronn, der über 500 Mitglieder hat.

Glanz und Gloria der „Whisky Neuzeit“

Dabei sind diese Clubs nicht einfach so vom Himmel gefallen. Und erst recht beruhen sie nicht auf eine bereits von Generation zu Generation weitergegebene Tradition. Das Phänomen Whisky Club in seiner Fülle und mit seinem ganzen kulturellen Reichtum ist eine Erfindung der „Whisky Neuzeit“. Hand in Hand entstehen so die ersten Clubs erst mit dem zarten Pflänzchen der Single Malt Whiskys und der Liebhaberei zu ihnen, was sich frühestens seit den späten 80er Jahren bei uns Bahn bricht. Diese eher begrenzte Zeitspanne kann man sich kaum ausmalen angesichts des heutigen Ausmaßes. Auch darüber darf man sich also staunend die Augen reiben. In Deutschland war es wohl Dr. Jürgen Setter vom späteren Fachhandel SCOMA in Jever, der zu Studienzeiten im hessischen Gießen einen ersten Kreis an Fans und Begeisterten um sich scharte, die sich noch mit viel Mühen und durch den besonderen Einsatz von Dr. Jürgen Setter die ersten Malt Whisky besorgten, um sie zu verkosten und zu genießen. Das war mehr oder weniger der Anfang von SCOMA als Versandhandel. Das Vorrecht aber, den ersten offiziellen Club gegründet zu haben, dürfen die beiden Nürnberger Bernhard Schäfer und Oliver Kirschner für sich in Anspruch. Bemerkenswert ist dabei, dass beide zu dieser Zeit je eigene Bars betrieben bzw. führten. Bei Kirschner war (und ist es bis heute) das „Gelbe Haus“, Bernhard Schäfer leitete die Bar vom „Freudenpark“. Doch trotz dieser Konkurrenz schmiedete man eine Allianz und brachte die ersten Whisky Begeisterten aus der Region zusammen. „The Most Venerable Order Of The Highland Circle“ blickt damit in diesem Jahr auf sein 30-jähriges Jubiläum. Leider erschwert die Situation mit dem Corona Virus die geplanten Feierlichkeiten, denn – man lese und staune – alle rund 60 Mitglieder hätten dazu einen Whisky aus dem Jahre 1990 in die gemeinsamen Feierlichkeiten geworfen.

Dr. Jürgen Setter (re.) von SCOMA ist einer der Malt Whisky Pioniere im deutschsprachigen Raum, der vermutlich den ersten Freundskreis dieser Art um sich scharte, aber noch keinen Club gründete.

Darbende Tage unter Corona

Ja, diese aktuellen Umstände stellen auch das Clubleben auf eine harte Prüfung. Das so geschätzte gemeinsame Verkosten mit eingehaltenen Abstands- und Hygieneregeln durchzuführen stellt eine echte Herausforderung dar. Noch schlimmer wirkten sich in der ersten Zeit die Kontaktbeschränkungen aus. Das Clubleben müsste deutlich mehr in den virtuellen Räumen der digitalen Welt stattfinden, was aber auch genutzt wurde. Und der Sommer – und mithin das Treffen in der Freiluft – eröffnete wieder die ersten gemeinsamen Aktivitäten. An dem sich dann auch zeigte, was hier der leitende Tenor ist: Diese Clubs sind eine starke Gemeinschaft fürs Leben, die auch solche Krisen zu meistern wissen. Man darf das gern als eine werbende Fürsprache nehmen.