Vom guten Zuhören
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Eine wiederkehrende Anstiftung

Von Heinfried Tacke

Den aufmerksamen Lesern des Guides wird sicher nicht entgehen, dass dieser Artikel schon im letzten Jahr im Buch war – nicht völlig identisch, doch ähnlich. Ich will es auch gar nicht verhehlen. Es ist ja richtig. Dass ich daran festhalte, mag zeigen, wie sehr mir diese Sache am Herzen liegt. Und da meine Anregung vom letzten Mal nicht völlig abgetan wurde, bin ich gewillt, an Deutlichkeit nachzulegen. Offenkundig wurde es nicht einfach als Spinnerei eines Menschen gedeutet, der schon zu oft und zu viel zu tief ins Nosing-Glas geschaut hat. Die Sorge hatte ich tatsächlich. Denn diese so berühmte Liedzeile „Kein Mensch hört mir so zu wie Du“ aus dem legendären „Johnny Walker“ Song springt einem fast zwangsläufig in den Kopf, wenn jemand meint vom guten Dialog mit seinem Whisky im Glas philosophieren zu müssen. Dass es mir dabei jedoch gerade nicht um jene selbstmitleidige Abkehr von der Welt eines mehr oder weniger dem Alkohol verfallenen Protagonisten geht, hatte ich beim letzten Mal schon unmissverständlich betont und ausgeschlossen. Nur um welche Art von ins Gespräch kommen geht es mir dann? Will ich etwa, dass Sie immer erst ihr Glas ans Ohr halten, um so dem unvermeidlichen „Muschelrauschen“ des Whiskys zu lauschen, so dass Ihnen unter Umständen dieses windige Geräusch die geografische Herkunft des Tropfens zusäuselt? Das Phänomen des Rauschens ist übrigens ganz real. Machen Sie nur einmal die Probe aufs Exempel. Der Rest ist indessen reine Analogie. Allerdings auch ein schönes Bild dafür, dass so gut wie jeder Whisky über die Jahre von Wetter und Gezeiten gegerbt wird, um zu dem zu werden, was wir unter Umständen just in diesem Moment in unserem Glas zu genießen beabsichtigen. Und um diese so verzückende Spur geht es mir tatsächlich. Im Ernst, jetzt.

„Kein Mensch hört mir so zu wie Du“

Ich hatte beim letzten Mal einen Umweg gewählt, um mein Ansinnen deutlich zu machen. Und genau dabei bleibe ich. Ich hebe den Menschen als ein zur Vernunft begabtes Wesen hervor und trenne das Genießen unter dieser Prämisse eben gerade nicht als unvernünftiges Tun ab. Im Gegenteil. Ich mache die beiden zu Komplizen, und es ist mir völlig schnuppe, zu welcher Seite hin Sie es für sich mehr auflösen – ob mehr hin zu dem genüsslichen oder mehr „vernünftigen“ Gebrauch Ihrer Sinne. Denn ob oder so: Ein guter Whisky, mit Hingabe, Bedacht und mit Würde genossen, öffnet nicht nur die Schleusentore der Sinnenwelt. Er wird zugleich zu einer Art Meditation, der mit seiner ganzen Strahlkraft in das Innere all unserer archivierten Erfahrungen wie auch Gedanken leuchtet und sie auf wundersame, aber immer auf sehr anregende Weise wach zu küssen scheint. Plötzlich gerät etwas in Schwingung. Der Whisky nimmt mit uns Verbindung auf, und im besten Sinne, weil längst ekstatisch, werden beide Parteien zu kommunizierenden Röhren, zwischen denen es zu knistern und zu funken beginnt. Mit etwas weniger Pathos ausgedrückt: Der Whisky entfaltet sich in uns und nimmt uns mit auf eine Reise. Ja, er sucht das Gespräch mit uns. Prüfen Sie gern einmal diese gewagte These. Ich weiß. Das klingt nach starkem Tobak. Noch…

Vernunft als Vernehmen

Kennen Sie indes diesen starken Ausruf: „Junge, nun nimm doch Vernunft an“? Ich gebe gerne zu, dass ich das häufiger gehört habe und dass ich meist selbst der Adressat dieser flehentlichen Anrufung war. Erst viele Jahre später in meinem Studium der Philosophie stieß ich dann wieder auf dieses Motiv. Da lernte ich, dass auch in der ursprünglichen Herkunft des Wortes Vernunft die Bedeutung von Vernehmen steckt. Wenn man also aufgefordert wird Vernunft anzunehmen, dann will man vor allem dies: Hör genauer hin! Nimm besser wahr! Sei aufmerksam auf das, was wirklich zählt! Es ist auch eine Form von Korrektur. Man soll sich einen Ruck geben. Sich besinnen. Also stiller werden. Um dann auf jene Kräfte zu stoßen, die einen tatsächlich zu leiten wissen. Das kann, übrigens – auch darum will ich nicht herumreden – einen stark moralischen Impetus besitzen. Nur darum geht es mir hier ganz sicher nicht. Allerdings um das, was wir im übertragenen Sinne davon mit auf unseren Weg nehmen können: Das gute, genaue Hinhören. Ich könnte auch sagen: Die hohe Kunst des Vernehmens. Ich könnte sogar schlussfolgern: Ein Genuss, der Vernunft angenommen hat und darin fürwahr gipfelt. Ich will aber nicht übertreiben. Nehmen Sie also nur einmal die zuvor verwendeten Umschreibungen und gleichen Sie es mit dem Phänomen Whisky ab. Auch da wollen wir doch an etwas, was diesen Whisky so eigen und so besonders macht, herankommen. Und? Hat das nicht auch viel von besagter hoher Kunst des Vernehmens? Und damit vom guten Zuhören? Na!? Lichtet sich so langsam die Spur, wohin ich Sie entführen möchte?

Wenn die Seele lächelt

Ich fordere die Teilnehmer von Tastings, die ich ab und an halte, immer wieder gerne auf, sich frei zu machen von den vermeintlich so strengen Vorgaben von Taste Notes, sich auch nicht in der Suche nach irgendwelchen möglichen Aromen zu verlieren, sondern sich ganz ungezwungen dem hinzugeben, was ihnen gerade zu dem Whisky einfällt. Ein Teilnehmer meldete sich und sagte: „Meine Frau und ich greifen immer nur zu einem schönen Tropfen Whisky, wenn die Seele in uns lächelt“. Geht das überhaupt noch besser? Genau so wird das Genießen zu einem gegenseitigen Ineinandergreifen. Und nur dann öffnet sich auch das in unserer Wahrnehmung, wovon hier meine Rede ist. Das imaginäre Gespräch, in das uns der Whisky zu ziehen sucht. Man bedenke einmal, wie lange der Whisky, den man just im Glas hat, zuvor im Dunkeln des Fasses und Warehouses vor sich hin schlummerte, wie viele Stürme und Gewitter, wie viel Hagel, Regen und Schnee, ja, wie viel heiße Tage und scharfe Winde, wie viel Ärger und Freuden, ja, wie viele Weltereignisse an ihm in all diesen Jahren vorüber zogen, fast stoisch wie ein Buddha, um währenddessen jene Reife und Fülle zu erlangen, die uns nun zuallererst in die Nase springt, sich dann auf den Gaumen legt, um schließlich beim Rinnen durch die Kehle seine letzten Worte zu uns zu sprechen. Wir alle, die wir Whisky lieben, sind uns einig, dass wir diesem Erlebnis durchaus seine ganz eigene Zeit widmen sollten. Uneins könnten wir uns jedoch hierüber sein: Eine Philosophie – oder auch Religion – ist immer nur so gut, wie viel Welt in ihr enthalten ist. Ich behaupte das so. Doch genau das denke ich über Whisky. Je näher er mir kommt, je mehr er mir zu sagen hat und zu erzählen weiß, ja, je mehr es ihm gelingt, dass ich mich in ihn vertiefe, umso mehr an Genuss im kulturellen und vernunftbegabten Sinne vermittelt er uns.

Die hohe Kultur der Entrückung

So langsam wird klar, was ich meine, oder? Dass ich in dem Genuss, den Sie auch selber kennen, zugleich etwas sehr Werthaltiges eingelagert sehe, nämlich im Sinne einer hohen Kultur. Denn ein guter Tropfen entrückt uns dem Moment. Er weitet unsere Sinne. Er vertieft unser Erleben. Er zieht uns hinaus ins Weite, ja, er beflügelt uns auf magische Weise – wenn es denn nicht schon das berauschende Gefühl des Alkohols ist, der seine Wirkung tut. Das, was ich so gern stärker in den Blick rücken möchte, ist dieses sinnliche Gewebe aus Bildern und frei schwebenden Gedanken und Gefühlen, das wir so schön und so oft beim Whisky erleben können. Und genau dieses Erleben würde ich mit einer Art Dialog oder Gespräch vergleichen. Deswegen auch die Rede vom guten Zuhören.

Jim Murrays „Lektionen im Zuhören“

Diese Forderung nach dem guten Zuhören darf ich übrigens gar nicht originär für mich beanspruchen. Meine Freude darüber war geradezu diebisch, als ich im letzten Jahr keinen Geringeren als Jim Murray in Hamburg genau diesen Tenor anstimmen hörte. Nicht, dass wir immer einer Meinung wären. Über seine „Whisky Bible“ und deren Nachbeterei unter den Heerscharen von gläubigen Anhängern ließe sich trefflich streiten. Egal! Mit der ganzen Erfahrung ungezählter Proben und Verkostungen beschrieb er an diesem Abend, wie wichtig es ist, sich dem Whisky erst einmal gut zu nähern. Schön war so seine Geste, den Whisky im Glas zunächst mit beiden Händen umklammert an die Brust zu führen, um sich gemeinsam anzunähern und „warm miteinander zu werden“. Um dann die Augen zu schließen, damit man sich den ersten „Äußerungen“ des guten Tropfens widmen kann. Murrays „Lektionen im Zuhören“ umfassen derart fünf Schritte, die man sich als Hilfestellung denken darf, um sich gut geschult einem Whisky zuzuwenden. Auf mich wirkt es jedoch wieder wie ein starres Regiment. Gute Gespräche brauchen nach meiner Erfahrung jedoch keine großen Regeln. Das ist eher was für eine Paartherapie. Da, wo es klemmt oder hakt, weil man nicht mehr gut miteinander auskommt. Bloß: Haben wir dieses Problem tatsächlich beim Whisky? Ich meine nicht. Da erklimmen wir das Kamasutra eines intensiven Entdeckens und Erlebens doch vor allem ungehemmt, oder?

Die Not der Taste Notes

So ist das auch eine echte Not mit den Taste Notes. Manchmal würde ich sie am liebsten verdammen. Doch historisch betrachtet gibt es einen guten Grund für sie. Es gab Zeiten, da wurde sehr vage, dafür aber umso blumiger über Whisky geschrieben. Bis vor etwas mehr als 30 Jahren die Forschungen zu den Aromarädern begannen. Sie sollten das Reden über Genüsse fundierter, systematischer und objektiver machen. Doch im Ergebnis erleben wir heute längst einen Überbietungskampf beim Sezieren dezidierter Aromen. Wenn Sie nicht täglich ihre Nase über Heerscharen von Duftproben hängen, können Sie da kaum mehr mithalten. Schlimmer noch: Je mehr die Taste Notes mit Aromen hausieren gehen, umso besser verkaufen sich die Whiskys. Auch dieses Instrument ist also längst einem Missbauch anheimgefallen – einer ganz eigenen Mischung aus selbstgefälligem Wortgeklingel und schnödem Geschäftssinn. Was mich aber noch am meisten stört, ist: Diese überbordende Fülle aufgereihter Aromen klingt mehr nach Obstgärten oder einem Streifzug durch eine Duftoase, doch bei weitem nicht mehr nach einem Whisky und schon gar nicht nach dem, was ich dabei tatsächlich erlebe. Nein! Mit diesen Aromaergüssen hat man sich schlicht vergaloppiert.

Typen, Charaktere und Erzählungen

Mithin wünsche ich mir wieder stärker den Fokus auf das tatsächliche Erleben des Whiskys. Und mir hilft es dabei immer wieder, sie wie einen Gesprächspartner zu nehmen. Mit wem habe ich es also zu tun? Was ist markant? Was weiß er zu erzählen? Was sagt er vielleicht absichtlich nicht? Wie redet er überhaupt? Hat er gar einen fremdländischen Akzent? Was ich damit sagen will: Whiskys haben immer irgendwie einen markanten Zug an sich. Und legen damit zugleich einen bestimmten Charakter an den Tag. Sie sind so oft eine Art Type, männlich wie weiblich, manchmal gar wie Diven und Stars, mit Launen und Misstönen oder auch nur einem netten Song auf den Lippen, mal raubeinig, mal galant, mal wohlfeil, mal schwierig, mal verschlossen, mal, wer weiß was noch alles… Das Bilderreich, mit dem wir uns einen Whisky erschließen können, ist schier endlos. Und dies in Typen, Charaktere oder auch Erinnerungen und Erzählungen zu packen statt uns dieser neuen Diktatur von Aromen zu ergeben, dafür breche ich an dieser Stelle ausdrücklich eine Lanze.

„Jeder Whisky erzählt eine Geschichte“

Und schlage mich damit gerne auf Jim Murrays Seite. „Jeder Whisky“, so sagte er an diesem denkwürdigen Sommerabend in Hamburg, „erzählt eine Geschichte“. Nur, die will auch gehört und verstanden werden. Das ersetzt im Übrigen nicht die Expertise. Sie ist nach wie vor gefragt und gefordert. Hinter dem „Uisge beatha“, dem Wasser des Lebens, steckt eine überaus reiche und alte Geschichte. Das erfordert Studien und Recherchen. Doch mit jedem Wissen mehr steigert sich auch der Genuss. Der, jedoch, ist nun eben nicht nur ein  Geschehen, dass ich im Geruchslabor sezieren kann. Dazu passen kein weißer Kittel, auch keine isolierte Essenz und schon gar nicht eine sterile Anordnung. Vielleicht muffelt sogar der Sessel, in dem ich gerade meinen Whisky degustiere. Doch genau so ist das Leben. So erzählt es seine Geschichten. Und von dieser Art ist auch der Whisky. Man muss sich seiner nicht bemächtigen. Man muss sich ihm nur eine kleine, meistens schöne Weile hingeben und so immer mehr in ihn hineinkriechen und -horchen. Mehr braucht es eigentlich gar nicht…